Weiblich zart und zackig
58. Europäische Wochen Passau: [...] Enthusiastischer Jubel für modernes Oratorium

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Von einer Uraufführung kann man bei der Aufführung von „Der Seele Ruh“ am Samstag in der Passauer Studienkirche nicht mehr sprechen - die fand bereits am Freitag in Nürnberg statt. Dennoch haben die Festspiele mit dem Oratorium von Roland Kunz eine Art Premiere erlebt: Allein durch das gewaltige Ausmaß der Besetzung und den esoterischen Inhalt fällt die Vertonung der Worte Meister Eckharts aus dem Rahmen - und dass eine zeitgenössische Komposition gerade vom alteingesessenen Publikum so enthusiastisch gefeiert wird, lässt sie noch außergewöhnlicher erscheinen.
Man kann sich diese Musik ein bisschen so vorstellen wie die letzten zehn Minuten im Kino: Streicher und Harfe weben einen dichten, fließenden Klangteppich, die Flöten lassen eine ergreifende Melodie anklingen - und dann explodiert alles im Fortissimo, der Chor schwelgt „Aaaah“, während der Held auf der Leinwand den letzten Kampf gewinnt, die schönste Frau in die Arme schließt und der Zuschauer Gänsehaut bekommt. „Der Seele Ruh“ funktioniert ganz ohne äußere Bilder, die Gänsehaut ist dieselbe - und das über 100 Minuten.
Auch wenn die Massivität der Orchestrierung in apartem Kontrast zum Titel steht: So ungeheurer Wohlklang kann mit der Zeit ungeheuer fad werden - erst recht wenn die Melange so poplastig ist wie hier. Anu Tali sorgt mit einem wahren Kraftakt von Dirigat dafür, dass es spannend bleibt. Zum einen durch totale Disziplin: Die zierliche Estin zeigt penibel an und hat die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Mitwirkenden aus Rundfunkorchester, Band „Orlando und die Unerlösten“ (des Komponisten Roland Kunz) und orpheus chor. Zum anderen schafft sie mit Eigensinn und Gespür Momente wie im zentralen Chor „Zerginge das Feuer“: Das markerschütternde Tutti verebbt urplötzlich zu einem sanften Klingen, Andreas Scholls wie entrückt scheinender Countertenor hebt an, von Gott zu singen - ein Augenblick zum Mit-Nach-Hause-Nehmen, der die eigentliche Botschaft gegenwärtig macht: Die essenzielle Bedeutung innerer Ruhe. Katrina Jordan
Passauer Neue Presse, Juni 2010
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